Fallbeispiele

Selbstheilungskräfte durch Hypnose gezielt aktivieren

Fallbeispiele

Die nachfolgenden Fallbeispiele aus der hypnotherapeutischen Praxis sollen illustrieren, wie sich unterschiedliche Problemstellungen mit Hilfe der methodischen Werkzeuge der Klinischen Hypnose entwickeln lassen, so dass sie am Ende der Behandlung vom Patienten entweder als entschärft oder aufgelöst betrachtet werden können.

Fall 1: Andreas`Trauma (PTBS) Umfassende Beschreibung einer Hypnose-Behandlung von traumatischem Verlust – Beispiel einer biografischen Rückführung und viele andere methodische Erläuterungen anhand einer konkreten fallbezogenen Anwendung.

Fall 2: Hannelores Schmerzbehandlung – Beschreibung einer erfolgreichen Hypnose-Behandlung von chronischen Schmerzen, bedingt durch die physisch irreversiblen Nervenschädigungen im Zusammenhang mit einer Diabetis 2 (Melitus) Erkrankung.

Fall 3: Wolfgangs Impulsivität – Beschreibung einer Behandlung, wie mit nur wenigen Hypnose-Sitzungen (12) eine leichtere Form einer Impulskontrollstörung (cholerische Impulse) erfolgreich behandelt werden konnte.

Fall 4: Olafs Angst beim Reden vor vielen Menschen – Behandlung eines erfolgreichen Coachings

Andreas`Trauma (PTB) durch Verlust des Vaters im Alter von 13 Jahren

Die wenigsten Hypnose-Behandlungen verlaufen derart dramatisch, intensiv und sind auch von schmerzhaften also sehr unangenehmen Emotionen begleitet: Bei der Behandlung von *Andreas handelte es sich allerdings um ein tiefes Trauma, an dessen Verarbeitung auch die reinigende Begegnung mit abgekapseltem Trauerschmerz gekoppelt ist.
*Andreas ist ein hier zur Anonymisierung verwendeter Deckname

Vorgeschichte: Andreas war 46, als er in meine psychotherapeutische Praxis kam. Es häuften sich seit längerem viele Belastungen sowohl in seinem privaten wie auch im beruflichen Lebensbereich. In seinem alten Beruf als ausgebildeter Handwerker konnte er aus körperlich bedingten Gründen nicht weiter arbeiten. Er wollte aber wieder arbeiten, insbesondere da Arbeit für ihn mehr bedeutete als Gelderwerb, ihm stets überwiegend Sinnbefriedigung und Stabilität gegeben hatte. So hatte er es von seinem Vater als Leitbild übernommen. Da er noch keine praktikable Idee hatte und ihm die Angebote zur Umschulung keine wirkliche Alternative boten, war dieses stabilisierende Lebensfeld für ihn offen bzw. litt er zunehmend an einer schleichenden Destabilisierung. Die Beziehung zur Ehefrau verschlechterte sich ebenso wie die Beziehung zum gerne angenommenen Sohn, den seine Frau mit in die Ehe gebracht hatte, als dieser 5 jahre alt war. Der Sohn zog kurz vor Andreas Behandlungsbeginn mit 20 Jahren von zu Hause aus und heiratete eine Frau, die ihn weiter von seiner Herkunftsfamilie weg und damit auch zu Andreas auf Distanz brachte. Andreas flüchtete in eine neue Liebesbeziehung und brach mit seiner Ehefrau, die sich inzwischen ebenso innerlich sehr verändert hatte und in esoterische Kreise abgewandert war, mit denen er nichts anzufangen wusste. Er begann zu trinken und drohte eine zeitlang zu versacken. Er fing sich jedoch aus eigener Kraft wieder und entdeckte das Fitness-Training als Möglichkeit zu kompensieren, Spannungen abzubauen und sich zu stabilisieren.

Symptome: Andreas schilderte seine Symptome einer beginnenden depressiven Episode: Sinnlosigkeitsempfinden und Leere, Appetit- und generelle Lustosigkeit, einen ständig wiederkehrenden Druck im Brustbereich, sich wiederholende negative Gedankenketten bzw. Grübeleien und Schlaflosigkeit.

Rahmen und Ziele: In den ersten gesprächstherapeutischen Sitzungen gilt es in der Regel viele lebens-geschichtliche Daten und Erlebnisse abzufragen, so wurde auch die Herkunftsfamilie von Andreas thematisiert. Bereits in dieser frühen Situation gab Andreas an, dass sein Vater gestorben war, als er selbst 13 war – und fügte hinzu, dass er darüber auch gerne einmal sprechen würde. In den ersten Sitzungen wird in der Regel noch kein Thema vertieft, sondern vermehrt Information und die Erwartungen des Patienten eingesammelt, um dann ein vorläufiges Behandlungskonzept herauszuarbeiten und die “Spielregeln” der Therapiesitzungen zu kommunizieren.

Die therapeutischen Ziele der anvisierten Kurzzeittherapie wurden nach den ersten beiden gesprächs-therapeutischen Sitzungen wie folgt festgelegt:

– Besserung der seelischen Symptomatik, Besserung der psychovegetativen Symptomatik.

– Unterstützung bei der Verarbeitung der beruflichen Situation und bei der Neu-Positionierung

– Unterstützung bei der Verarbeitung der familiären Beziehungskonflikte.

– Klärung des möglicherweise traumatisch erlebten Verlusts des Vaters im Alter von 13 Jahren.

Therapeutischer Verlauf: Bereits nach wenigen gesprächstherapeutischen Sitzungen fühlte sich Andreas entspannter. Das Aus-Sprechen-Können über seine Problemthemen und im Mittelpunkt der professionellen Aufmerksamkeit zu stehen, tat ihm sichtlich gut. Nach einigen weiteren Sitzungen stand für ihn seine Beziehung zu seiner Frau in einem anderen Licht. Beide erwiesen sich als grundsätzlich beziehungsfähig und willens sich auf den anderen einzulassen. Sie begannen offener miteinander zu reden, veränderten ihr Umgehen miteinander. Sie entdeckten ihre Wertschätzung dem anderen gegenüber und fanden schließlich auf einer erneuerten Basis wieder zusammen. Aus der Beziehungskrise haben beide offenbar vieles Wichtiges mitnehmen und lernen können. Die Therapie gab hierzu lediglich einen Anschub.

Neudefinition der Therapieziele: Dennoch löste sich nicht alles in ein “Happy-End-Gefühl” auf, sondern es blieb ein für Andreas spürbarer und tiefer liegender Schatten bestehen, den wir nach einigem gemeinsamen Sinnieren identifizieren konnten. Das grundsätzliche Lebensgefühl wurde überlagert von dem traumatischen Verlusterlebnis, mit 13 Jahren den Vater verloren zu haben. Es galt nun dieses Trauma zu bearbeiten und möglichst weitgehend aufzuarbeiten oder sogar aufzulösen. Damit sollten auch für Andreas spürbare Veränderungen im Lebensgefühl und in der Lebenssituation, sowie natürlich eine Verbesserung oder Auflösung der Symptomatik zu registrieren sein.

Exploration zur Vater-Sohn-Beziehung: Andreas`Vater war im Alter von 40 und jedenfalls für Andreas selbst völlig überraschend an einem Herzinfarkt gestorben. Er hatte bis dahin eine sehr enge und offenbar deutlich überwiegend positive Beziehung zu seinem Vater, der selbst Handwerker mit ihm zusammen werkte und von dem er viele Dinge gezeigt bekam und lernte. Der Vater hatte neben einem insgesamt guten und auch körperlichen Kontakt zu seinen Kindern und seinem Verständis für Fehler und Unreife auch einen empathischen Sinn für angemessene Führung bzw. Erziehung. Er legte Wert auf Spielregeln und Zuverlässigkeit und lebte das auch selbst. Er galt Andreas und seinem 3 jahre älteren Bruder durchaus als ein Vorbild, als ein positives Modell für “So kann ich sein” bzw. “so etwa will ich selbst werden”.

Zur Trauma-Bildung: Mit der Hiobsbotschaft vom Tode seines Vaters erstarrte Andreas innerlich, seine spontane Reaktion war regelrecht Unglauben, er konnte es nicht fassen und erst recht nicht bewerkstelligen, den Tod als Fakt zu akzeptieren. Er konnte keinen Sinn erkennen und das lähmte ihn. Er konnte nicht wirklich weinen; es war, als würde der Schmerz wie ein Stachel in ihm stecken bleiben und sein Gift ausströmen. Allmählich musste er sich an den Gedanken gewöhnen, doch ging er nicht zur Beerdigung und er reagierte aggressiv auf andere, die den Tod seines Vaters ansprachen. Er selbst erinnerte seine Wut auf seinen Vater, von dem er sich verlassen und im Stich gelassen fühlte; später haderte er wütend mit dem Schicksal und mit Gott. Das Leben musste auch ohne den Vater weiter gehen, aber das Trauma, sich mit einem Schlag allein-gelassen zu fühlen, der Schmerz und die Traurigkeit, die hinter der Wut liegen, blieben abgekapselt und unverarbeitet. Diese unverarbeiteten Emotionen bildeten jenen großen Schatten auf seiner Seele und dämpften zeitlebens seine Emotionalität und Lebensfreude.

Die ersten Hypnose-Sitzungen: Andreas war suggestibel und gegenüber der Hypnose ohne Vorbehalte; er hatte auch inzwischen an Vertrauen zu seinem Therapeuten gewonnen. In den ersten Hypnose-Sitzungen ging es vermehrt um den Aufbau von positiven inneren Ressourcen. Das entspricht der üblichen Vorgehensweise gerade bei Traumata, persönliche Erfahrungen oder Vorstellungsbilder zu finden und zu verankern, die dann in den nachfolgend geplanten kritischen Sitzungen, nämlich eine Begegnung mit dem Vater herbeizuführen, als positive Ressource genutzt werden können. Dazu gehörte hier auch die Entwicklung einer Vorstellung von einem “Sicheren Ort”, an dem der Patient sich ausgesprochen geborgen und wohl fühlt. Mit diesem Vorstellungsbild und den damit eng verknüpften Emotionen von Sicherheit und Geborgenheit kann dann aktiv gearbeitet werden, um den Patienten von diesem Ort aus einen kurzen Ausflug in die Begegnung mit dem Vater machen und ihn dann auch wieder in diese Sicherheitszone zurückkehren zu lassen. Auf diese Weise lassen sich mögliche heftige unwillkürliche Reaktionen steuern bzw. dosieren.

Die Hypnose-Rückführung: Man bezeichnet in der Fachwelt ein stufenweises Zurückgehen in der Biografie eines Menschen während der Trance-Sitzung als Hypnose-Rückführung. Dabei werden im Trancezustand Erinnerungsbilder hervorgerufen, die einer bestimmten Zeit zugeordnet werden. Gewöhnlich werden Schlüsselsituationen wie Abitur oder Schulklasse 10 oder 7 oder Geburtstage eben in dieser umgekehrten Chronologie verwendet, um den Patienten in dies gewünschte Zeit zurückzuführen. Die meisten Patienten berichten über ihre Überraschung wie viele Erinnerungsbilder dann allmählich auftauchen, die sie längst als vergessen glaubten.

Die Explorative Phase in der Hypnose: Ich führte Andreas relativ zügig in diese Zeit, als er 13 war. Wie üblich verabredete ich mit Andreas in sprachlichem Kontakt zu bleiben. Das bedeutet, dass er mir mit geschlossenen Augen während der Trance etwas mitteilen kann bzw. dass wir auch während der Trance uns miteinander austauschen können. Auch ich kann also Fragen an ihn richten, auf die er dann antwortet. Dieses erforschende Vorgehen während der Trance Informationen zu sammeln nennen wir Explorative Hypnose. Die Sprache der Hypnose ist in der Regel leise und langsam. Der Patient liegt auf der Relaxliege, und ich sitze auf einem Stuhl relativ nahe bei ihm – so dass wir auch nicht laut reden müssen, um verstanden zu werden.

Die erste kritische Begegnung: Nachdem in der Rückführung die Umstände und Örtlichkeit der damaligen Zeit vor dem geistigen Auge vergegenwärtigt sind, und Andreas damit ein lebendiges Erlebnis seiner Zeit als er 13 war vor Augen hat – sprichwörtlich in vielen BIldern oder Szenen, die dann von alleine aufkommen – führte ich Andreas konkret in die Begegnung mit seinem Vater. Ich ließ ihm dabei Zeit auf meine kurzen Hinwreise hin seine Bilder aufkommen zu lassen zu Szenen aus dem Alltag mit dem Vater und insbesondere auch die Situationen, die ihm am meisten Spaß gemacht haben.

Die Steuerung der Imaginationen: Während dieses Ablaufs befinden wir uns in Kontakt, zumeist frage ich ihn etwas und er antwortet. Ich kann auf diese Weise feststellen, ob und wie die suggerierten Imaginationen bei ihm ankommen, und ich kann dadurch auch den weiteren Verlauf steuern: Vertiefen, Konkretisieren, Wiederholen, aus einer anderen Perspektive betrachten, Verändern oder Relativieren.

Der Kontakt zum Schmerz: Bei Andreas geschah der Kontakt zu den abgekapselten Emotionen von Wut und Trauerschmerz unmittelbar und wie von selbst. Es erfasste ihn urplötzlich im ganzen Körper und brach aus ihm heraus, so als habe es lange darauf gewartet, nach Außen gelangen zu können. Weinkrämpfe und heftiges Atmen zeugten von einem intensiven Erleben während er zum Teil im inneren Dialog mit seinem Vater sein Empfinden ausdrückte, in der ersten Sitzung noch von Wut und dem Vorwurf geprägt, wie der Vater ihn alleine lassen konnte. Wut und Schmerz fluteten gleichzeitig wie in Wellen auf, so als wollten diese beiden Emotionen miteinander um die Vorherrschaft konkurrieren. Wir waren zweifellos zum Kern des Traumas vorgedrungen. In dieser hochgradig erregten Phase war ich ihm noch näher gekommen, legte meine Hand auf seine Schulter und begleitete empathisch seine sprachlich ausgedrückten Empfindungen. Diese Kernphase der kritischen Begegnung dauerte nicht länger als 2-3 Minuten und mündete darin, dass er die Augen öffnete und seine Verwirrung allmählich wieder im Hier und Jetzt ordnete.

Die Nachbesprechung: In der Nachbesprechung werden die inneren Erlebnisse gemeinsam reflektiert und dahingehend ausgewertet, dass auch der Verstand nachvollziehen kann, was gerade passiert war. Dabei kommen viele Details zur Sprache, die der Patient erlebt hatte, Bilder, Szenarien und Empfindungen, die sich im Trancezustand verdichtet, ihn überrascht und ergriffen hatten.

Die weiteren kritischen Begegnungen: Recht bald in der Zeit danach schilderte Andreas einen Traum, den er in der Nacht vor der jetzt anstehenden Sitzung erlebt und erinnert hatte. Der Traum beinhaltete eine Szene aus seinem 13. Lebensjahr, als er mit seinem Bruder vor ihrem Haus stand, und ein weißer offener Oldtimer-Sportwagen mit Speichenrädern heranfuhr. Er erkannte im Traum seinen Vater, und er hörte sich selbst zu seinem Bruder sagen: “Was will der denn jetzt hier? Jetzt braucht der auch nicht mehr zu kommen!” Ärger und Wut sowie tiefer liegende Enttäuschung schwingen unmittelbar in diesem recht klaren Traum mit.

Verwendung von Träumen in der Hypnose: In der modernen therapeutischen Hypnosebehandlung werden gerne Träume bzw. Trauminhalte genutzt, um über die dort mehr oder weniger symbolisierte bzw. verschlüsselte Dramaturgie einen direkten Zugang zu den ünbewussten Bereichen unserer Psyche zu erhalten und um damit die Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Es handelt sich um eine unmittelbare und wirkungsvolle Form der Kommunikation mit dem Unbewussten, das über die Träume Angebote an das rationale ICH aussendet; diese Angebote stellen Impulse zur Integration dar zwischen Rationalität und Emotionen, zuweilen eben auch Impulse der Wünsche nach Harmonisierung und Versöhnung.

Wandlung von Wut in Trauerschmerz: Der oben beschriebene Traum bildete das Ausgangsszenarium in einer Hypnosesitzung. Es ersetzte die zuvor verwendete Methode der Rückführung, indem ich Andreas nach der Erzeugung einer tieferen Trance direkt in die Traumszene hineinführte. Der Ablauf ähnelte der ersten kritischen Sitzung. Andreas kam erneut schnell in Kontakt mit seinen Gefühlen und stellte sich eine zeitlang seiner Verwirrung. Wie sich dann in der Nachbesprechung ergab, erlebte er nur anfangs das Gefühl von Wut, das sich schnell wandelte bzw. auflöste in Enttäuschung und Trauerschmerz über den Verlust seines Vaters.

Erste Fortschritte: Dieser Wandel bedeutete bereits einen Fortschritt in der Verarbeitung des Traumas. Die Wut entspricht nämlich einer kindlichen Erlebnisweise; diese berücksichtigt nicht die reifere Perspektive des sogenannten “gesunden Menschenverstands”, dass der Vater seinen eigenen Tod nicht absichtlich herbeigeführt hatte, das also etwas anderes ist als z.B. die Entscheidung eines Familienvaters, der Frau und Kinder verlässt, um anders zu leben. Diese Wut entspricht der emotionalen Reaktionsweise, wie er damals als KInd empfunden hatte und wie es sich als solche abkapselte und speicherte. Das Gefühl der Wut wandelte sich während dieser Sitzung in einen reinen Trauer- und Verlustschmerz, und das bedeutete mindestens, dass die Selbstheilungskräfte bereits einen Teil der kindlichen Verletzung bewältigt oder sogar aufgelöst hatten.

Der weitere Therapieverlauf: Die schwierigste Phase hatte Andreas in diesen beiden Sitzungen bereits erarbeitet und bewältigt. Es gab weitere kritische Begegnungen mit seinem Trauerschmerz, die sich aber zunehmend in der Intensität abschwächten. Das Gefühl von Wut gegen seinen Vater tauchte überhaupt nicht mehr auf; es blieb bis zuletzt noch eine Weile das Hadern mit dem Schicksal und mit Gott, das sich mit der Schlüsselfrage verband “WARUM ICH?”. Auch diese Frage verblasste nach und nach in seiner Bedeutung in dem Maße wie er die Gegebenheiten als sein Schicksal vermehrt annehmen konnte. Es gab in den nachfolgenden Monaten eine Reihe von erinnerten Träumen, die mit diesem Thema in Verbindung standen, und die wir teilweise erneut zur Kommunikation mit dem Unbewussten nutzten. Insgesamt entdeckte Andreas seinen Vater wieder, indem er von dem zehrte, was er von ihm gezeigt und bekommen hatte – und das umfasste weit mehr als ein Gefühl für das Handwerkliche.

Die Überprüfung der Therapieziele und die Bewertung des Erfolgs: Gemessen an dem formal definierten Ziel, dieses Trauma zu bearbeiten und möglichst weitgehend aufzuarbeiten oder sogar aufzulösen, darf dem Patienten zunächst bestätigt werden, dass er sich mit großen Mut auf einen Prozess eingelassen hatte, der für ihn eine Reise ins Ungewisse bedeutet haben musste. Entsprechend fiel die Ernte für ihn ausgesprochen reichhaltig aus. Das Trauma im engeren bzw. klinischen Sinn darf als vollständig aufgelöst betrachtet werden. Was bleibt ist die ganz normale Traurigkeit und Wehmut, die zuweilen bei Erinnerungen an die verstorbenen Eltern aufkommen ebenso wie der Gedanke an die eigene Endlichkeit.

Bewertung des Erfolgs bezüglich der depressiven Symptome – Sinnlosigkeitsempfinden und Leere, Appetit- und generelle Lustosigkeit, einen ständig wiederkehrenden Druck im Brustbereich, sich wiederholende negative Gedankenketten bzw. Grübeleien und Schlaflosigkeit – sind allesamt sehr schnell bereits nach der ersten kritischen Sitzung zurückgegangen und spielen heute für Andreas keine lebensbeeinträchtigende Rolle mehr.

Bewertung des Erfolgs bezüglich Lebensgefühl und Selbst-Positionierung: Andreas selbst beschrieb es als eine neu gewonnene Leichtigkeit in allem seinen TUN, mehr Energie und mehr Freude in seinem Handeln; ein beständiger Druck, der auf ihn (auch körperlich im Brustbereich) gelastet hatte, ist einfach weg und von ihm abgefallen. Im Beruflichen scheint er jetzt auf einen praktikablen Weg zu kommen, sich durch eine Selbständigkeit eine neue Basis schaffen zu können. In der Partnerschaft war es ja gleich zu Beginn zu einem positiven Wandel gekommen; auch gelang es ihm die Beziehung zu seinem angenommenen Sohn wieder aufzugreifen und auf eine leichtere Weise zu gestalten. Wie er selbst es beschreibt scheint sich die Veränderung seiner Beziehung zu seinem Vater offenbar auch auf seine Rolle als Vater positiv ausgewirkt zu haben.

Meine fachliche Bewertung der Therapie: Einige Therapie-Schulen und Trauma-Spezialisten mögen einwenden, dass es sich bei diesem Fall nicht um eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTB oder PTBS) handelte, da typische Erscheinungsformen , die eine PTB kennzeichnen, fehlen. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um die Flashs oder Flash-Back-Erlebnisse, die ungefragt häufig mit Panikattacken verbunden in den täglichen und über Albträume in den nächtlichen Erlebnisraum einbrechen. Zudem gab es keine Vertärker-Auslöser (sogenannte trigger), welche einem Reiz ähneln, der in der ursprünglichen Trauma-Situation wahrgenommen worden war. Diese typischen Begleiterscheinungen einer PTB treten stets in gewalt-geprägten Traumata auf, die auch mit den Gefühlen der Fremdbestimmung und Hilflosigkeit verbunden sind. Das Gefühl der Fremdbestimmung und Hilflosigkeit war jedenfalls wenn auch mit anderen Akzenten auch für Andreas ein zentrales Thema, da aus seiner Perspektive als 13-Jähriger über sein Leben wirkungsvoll bestimmt worden war, und er sich gegenüber dem Verlust des Vaters macht- bzw. hilflos fühlte. Das Gefühl der Fremdbestimmung und Hilflosigkeit fomierte sich aber nicht in eine Form von Flash-Back-Erlebnissen, die häufig auch die Angst transportieren, das Trauma könnte hier und jetzt wieder passieren (wie z.B. bei Vergewaltigungen) – sondern transformierte sich in eine schleichende untergründige Depression. Diese Art der Transformation erscheint zwar nicht ganz so spektakulär, gibt es aber nicht selten und führt dazu, dass ein Trauma häufig erst gar nicht als solches identifiziert wird.

Zusammenfassend sei angefügt, dass Andreas die Therapie nach 50 Sitzungen beendete. Sie war für eine Traumabehandlung relativ kurz und sehr erfolgreich und sie zeigt, wie viel weniger als zumeist vermutet der Therapeut und die Hypnose selbst die Heilung unmittelbar bewirken; vielmehr stellt der Therapeut in der richtig angelegten Hypnose lediglich den Rahmen her, in dem die Selbstheilungskräfte sich wirksam ausbreiten und entwickeln können.

Gerd Huss

Vorgeschichte:

Hannelore war 63, als sie in meine Praxis kam. Sie fühlte sich ausgelaugt und erschöpft und ihr Beruf als Sonderschullehrerin in einem sozialen Brennpunktstadtteil, der ihr ein Leben lang Sinn und Spass gegeben hatte, trug sie auf einmal nicht mehr, sondern geriet mehr und mehr zu einer Belastung. Hannelore war sehr pflichtbewusst und erlaubte sich kaum den Gedanken überhaupt zu denken, dass sie in ihrem Leben bereits genug geleistet hatte. In den letzten beiden Jahren war sie bereits mehrmals über längere Phasen erkrankt und ausgefallen. Da die Schulleitung und ihre Hausärztin sie bedrängten das Arbeitsvolumen herunterzufahren, tat sie das zwar, aber mit einem schlechten Gefühl. Um das vor sich selbst vertreten zu können und auszugleichen, suchte sie bereits aktiv nach ehrenamtlichen Aufgaben in der Sterbehilfe.

Ein wesentlicher Punkt ihrer Belastung – und dieser eröffnete sich überhaupt erst nach einigen Sitzungen – bestand in den Schmerzen, die sie in den Beinen etragen musste. Sie hatte in Folge ihrer Diabetis II eine Polyneuropathie. Das bedeutet, dass bestimmte Nervenzellen in den Bahnen der Beine hinunter bis in die Füße geschädigt sind und eine Mehrzahl von Missempfindungen auslösen wie Taubheits- und Druckgefühle, aber auch zuweilen stechender Schmerz in den Nervenbahnen. Sie erlebte es in Wellen bzw. Phasen von unterschiedlicher Intensität. Es ist bei jedem Schritt spürbar und kostet viel Energie.

Das Schmerzerleben stellte sich für Hannelore als ein (!) Punkt der Überbelastung heraus. Sie erkannte erst im Laufe der Sitzungen, wieviel Anstrengung und Energie sie das Laufen inzwischen kostete; es war für sie jedesmal eine Überwindung sich zu bewegen, da Laufen mit Schmerz gekoppelt war. Laufen bzw. Bewegung gilt andererseits als ein positiver Handlungsansatz zur (Gegen-) Steuerung von Diabetis II.

Diabetis II und Polyneuropathie: Ist eine solche Nervenschädigung einmal aufgetreten, kann sie nicht geheilt werden; es handelt sich um eine irreversible Schädigung. Das stellt im Übrigen eine weitere Begründung dar, warum die Früherkennung von Diabetis II (Volkskrankheit Alterszucker) besonders wichtig ist. Wenn es rechtzeitig erkannt und wirksam vorgebeugt wird, können der Ausbruch als solcher und auch Schädigungen sowie die Einnahme von Insulin vermieden werden.

Symptome: Schmerzen in den Beinen – Symptome einer beginnenden altersdepressiven Episode wie das Gefühl nicht zu genügen, Selbstwertverlust, Grübeleien und Schlaflosigkeit, erste Tendenzen zum sozialen Rückzug.

Rahmen und Ziele: Die therapeutischen Ziele der anvisierten Kurzzeittherapie wurden nach den ersten drei gesprächstherapeutischen Sitzungen wie folgt festgelegt:

= Entwickeln eines hypnotherapeutischen Konzepts, wie Hannelore mit den Schmerzen in den Beinen selbst umgehen kann, um eine Linderung der Schmerzen zu erreichen und damit auch einen Zugewinn von Energie erlebt

= Klärung ihres Selbstverständnisses und Selbstbildes hinsichtlich der Pflicht- und Leistungsansprüche an sich selbst. Verstehen und Durcharbeiten der inneren Glaubenssätze und Verbinden des “Gefühls-nicht-zu-genügen” mit biografisch begründeten Erlebnismustern. Neudefintion des Selbstverständnisses und Selbstbildes für den dritten Lebensabschnitt.

Therapeutischer Verlauf:

Beide Zielkomplexe wurden in den insgesamt 30 Sitzungen über jeweils 75 Minuten verfolgt und schrittweise vertieft. Beide waren im Nachhinein betrachtet gleich wichtig. Die Klärung ihres Selbstverständnisses und Selbstbildes und die damit verbundene Neudefintion für den dritten Lebensabschnitt gelang auf der Basis von zunehmenden Vertrauen zum Therapeuten.

Dieser Prozess der Vertrauensbildung wurde sicher auch beeinflusst durch die schnellen Erfolge, die der andere Behandlungsansatz zur Linderung der Schmerzen bewirken konnte. Die Patientin merkte spürbar, dass sie das nicht passiv erdulden und Schmerzen aushalten muss, sondern etwas selbst bewegen bzw. steuern kann, dass sie im Ergebnis spürbar mehr Energie zur Verfügung hat, wenn sie mit den Schmerzen anders als bisher umging. Zudem stellte sich alsbald die Schlaflosigkeit wie von selbst ab, wodurch sie ein weiteres spürbares Erfolgserlebniss und einen Energiezugewinn erlebte. Die depressive “Negativ-Spriale in ihrem Lebensgefühl” (es geht immer nur weiter abwärts) war durchbrochen und motivierte sie weiterhin bewusst an sich zu arbeiten.

Im Fokus der Hypnose-Behandlung standen zunächst unsere Bemühungen bestimmte Imaginationen (Erfahrungsbilder) zu finden, welche die Patientin erinnerte. Es kam darauf an Situationen des unbeschwerten Laufens zu finden, Erfahrungen von Leichtigkeit und Freude an der Bewegung zu vergegenwärtigen. Diese Suche und das Ausprobieren unter Hypnose bzw. im Trancezustand diese Bilder gezielt hervorzurufen, konzentrierte sich nach einiger Zeit auf solche Bilder, die sich auf das “frühere Wandern” und auf das “heutige “Nordic-Walking” bezogen. Sie war früher gerne gewandert und konnte dabei auch größere Strecken und Touren bewältigen. Heute unternimmt sie gemeinsam mit zwei anderen Frauen regelmäßig kürzere “Nordic-Walking-Touren”. Beiden Situationen (früher und heute) ist das Bewegen in der Natur gemeinsam, das sie besonders geniessen kann. Das Gefühl von Leichtigkeit in der Bewegung und das Gefühl von Naturverbundenheit nahmen dann in der Hypnose-Sitzung eine zentrale Bedeutung ein – um sie darin zu unterstützen, positive Körpergefühle gezielt bzw. selbst-suggestiv einzusetzen und die bisherige Kopplung zwischen Bewegung und Schmerz aufzulösen.

Eine weitere Komponente der Hypnose-Behandlung ergab sich daraus, Vorstellungen zu entwickeln, die geeignet waren, den Schmerz um-zu-interpretieren. Nach einigem Experimentieren fanden wir das Gefühl von Kälte als probate Empfindung. Da das Ver-Eisen von “brennenden Wunden” bekanntlich schmerzlindernd wirkt – und auch eine Erfahrung ist, welche die meisten Menschen bereits erlebt haben; es also genügt zu wissen wie sich das Ver-Eisen anfühlt – verwendeten wir mit unmitttelbarem Erfolg diese Imaginationen. Zunächst gelang es über die Vorstellung eines Tauchbeckens mit eiskaltem Gebirgswasser, in welche die Patientin ihre Beine allnählich eintauchte, diese Imagination zu erwecken bzw. das Körpergefühl von Kälte in den Beinen entstehen zu lassen; ein gewisses Gefühl von Taubheit, das mit der Kälte verbunden ist auszutauschen gegen das Gefühl von Taubheit, das mit stechendem Schmerz verbunden war.

Weiterentwicklung: Nach einiger Übung mit dem “Tauchbecken” entwickelten wir die Vorstellungen dahingehend weiter, dass die Patientin mit ihrer Hand das Körpergefühl von Kälte erzeugen konnte, wenn sie diese auf die Beine legte oder über die Hautflächen am Bein strich. Das fühlte sich lindernd an, und sie hatte damit im wahrsten Sinne des Wortes ein “Werkzeug-in-die-Hand-bekommen”, mit dem sie einer akuten Schmerzwelle begegnen konnte. Der akut aufgekommene Schmerz wandelte sich in das Körpergefühl von Kälte und Unempfindlichkeit /Taubheit.

Einsatz von Selbsthypnose: Da die Patientin nach einer Möglichkeit suchte außerhalb von Schmerztabletten ihre wellenartig aufkommenden Schmerzen zu lindern, benötigte sie eine Methode des direkten Umgehens mit den Schmerzen, wenn sie aufkommen. Wie in vielen anderen Fällen auch galt es demnach, auch Selbsthypnose einzusetzen. Die Patientin lernte das durch eigene Übung. Dabei erwies es sich als hilfreich in einer gemeinsam durchgeführten Sitzung genau diesen Ablauf von der Tranceinduktion bis zur Imagination von Kälte an den Hautflächen am Bein aufzunehmen und auf einen Tonträger (CD) zu überspielen. Sie hatte dann für ihre eigene Übungen bzw. Anwendungen diese CD zur Verfügung, mit der Stimme des Therapeuten und genau in diesem Ablauf wie in der Sitzung selbst.

Ergebnis der Hypnose-Behandlung: In einer weiteren Stufe des Lernens nach einigen Wochen wurde dann der gesamte Ablauf der Selbsthypnose zeitlich gestrafft, so dass die Patientin in der Lage war, binnen Sekunden ihren aufkommenden Schmerzen etwas entgegenzusetzen und eine Linderung unmittelbar zu erreichen. Es gibt zwar keine Methode ihre Schmerzen ursächlich zu beseitigen – denn diese waren ja bedingt durch die physischen Nervenschädigungen irreversibel – aber sie konnte fortan viel besser damit leben und spürte auch bald einen Zuwachs an Energie und empfand einen deutlichen Gewinn an Lebensqualität.

Wolfgangs Impulskontrollstörung

Bei einer Impulskontrollstörung kommen in bestimmten Situationen cholerisch aggressive Impulse hochgeschossen; der Betreffende fühlt sich zumeist außerstande diesen Impulsen etwas entgegenzusetzen. Die in einem cholerischen Anfall aufkommende Wut entlädt sich in einem Schreien und Beschimpfen, zuweilen im Werfen von Gegenständen an die Wand, in schweren Fällen sogar in gewalttätigen Handlungen. Danach folgen in der Regel Selbstvorwürfe und Schuldgefühle und Entschuldigungen gegenüber den betroffenen Opfern. Diese dann nach innen gegen das Selbstbild gerichteten Agrressionen werden auch “Implosionen” genannt und sind von starken depressiven Symptomen begleitet.

Nachfolgend die Beschreibung einer Behandlung, wie mit nur wenigen Hypnose-Sitzungen (12) eine leichtere Form einer Impulskontrollstörung erfolgreich behandelt werden konnte.

Zum Patienten:

60-jähriger Mann als Postzusteller seit über 40 Jahren tätig, stets noch in einem zweiten Job tätig, wodurch sich eine insgesamt hohe Arbeitsbelastung ergab und ihn als Vater in der Familie wenig präsent sein ließ. Er lebt in eigenem Haus mit seiner Frau, hat drei erwachsene Kinder und hat regen Kontakt zu seinen Enkeln, die einen Ausgleich für seine versäumten Begegnungen mit seinen Kindern bedeuten und somit eine positive Ressource in seinem Leben bilden.

Vom Patienten formuliertes Problem/Anliegen/Ziel

Erstkontakt zum Therapeuten im Juni 2013 wegen mittelgradiger Depression, die sich seit einigen Jahren zuspitzte. Seine Formulierung beim Erstgespäch: Hilfe und Begleitung darin seine cholerischen Wutausbrüche besser steuern zu können.

Auslösende Faktoren und Ablauf

Es handelt sich vorwiegend, aber nicht ausschließlich um Situationen im beruflichen Kontext. Das Wahrnehmen von Fremdbestimmung ist neben dem Empfinden von Ungerechtigkeit eine der maßgebenden Faktoren.

Er erlebt dann körperlich eine aus den Beinen aufsteigende und von Kribbeln begleitete Wut mit der Tendenz zur explosiven Entladung in eben jenen Situationen einer empfundenen Fremdbestimmung, die Veränderungen in seinem Wirkungsfeld implizieren. Die explosiven Wutausbrüche zeigten niemals eine ausgeführte physische Gewalt unmittelbar gegen Personen. Gegenstände sind dabei zu Bruch gegangen, wenn sie z.B. gegen eine Wand geschleudert wurden. Die aufsteigenden Wutgefühle können zuweilen von ihm auch durch Vermeidung bzw. dadurch “aus dem Feld zu gehen” gesteuert werden, wirken dann aber implosiv und münden in eine depressive Verarbeitung und dem Empfinden von Leere, Sinn- und Antriebslosigkeit. Die empfundene Fremdbestimmung ist häufig mit der Empfindung von Ungerechtigkeit verbunden, die beinahe gleichermaßen ihn persönlich, aber auch andere (Kollegen) betreffen können. Gedanken/Einstellung: „Das systematische Verheizen von jungen Kollegen bei der Post bringt mich auf die Palme“.Er ist ehemaliger Betriebsrat und Mitglied der Gewerkschaft.

Nutzbare Ressourcen des Patienten

– Körperliches Austoben mit seinen Enkeln (Biografische Ressource)

– Einige Kollegen, die ihn gut kennen und ihn insbesondere wegen seines offensiven Eintretens auch für andere wertschätzen und ihn sozial zu integrieren suchen

Therapeutische Interventionen

Gesprächspsychotherapie mit dem Schwerpunkt auf direktiven Hypnose- Interventionen. Motivationsunterstützung durch Psychoedukation zu Hypnose. Etablieren von „Sicheren Beziehungen“ in der Hypnose zur Nutzung der Emotionen von Sicherheit, Lockerheit und Gelassenheit. Umdeuten und Einüben von WUT in Kraft – während die gleichermaßen erlebte Hilflosigkeit gesplittet wurde und in der Hypnose entsprechend an dem Atemrhythmus angegliedert wurde. Beim Ausatmen wurde Hilflosigkeit durch die Beine in den Boden abgeleitet. Beim Einatmen wurde die umgedeutete Kraft, Weite und Freiheit in den Brustkorb zu lenken eingeübt. Daher wurde zur Induktion von Trance bereits „Hände-auseinander-und-Weite-erleben“ verwendet.

Unmittelbar nach dem Aufrufen bzw. der Exposition einer aktuellen „Wut-Situation“ wähtrend einer Hypnose-Sitzung strich der Patient (unaufgefordert spontan) beim Ausatmen mit seinen beiden Händen seine Oberschenkel entlang nach unten bis über die Kniekante, zog die Arme mit dem weitenden Einatmen wieder zurückund wiederholte dieses “Ritual” immer wieder; teilweise reichten die nach unten ableitenden Bewegungen dann bis zu den Füßen hinunter. Er spürte dann nach einiger Zeit deutlich, wie die aufgekommene Spannung weg war und Raum entstand für die Kraft, die Weite und den Überblick sowie dem Gefühl von Freiheit. Am Schluss einer Sitzung wurde der Rhythmus beendet und das Atmen hin zur Gelassenheit suggeriert.

Relevante Ergebnisse im Behandlungsverlauf

Die vom Patienten selbst autonom bzw. spontan entwickelte Form , beim Ausatmen der Hilflosigkeit mit seinen beiden Händen seine Oberschenkel entlang nach unten bis über die Kniekante zu streichen, wurde während der induzierten Trance als Verankerung für die Umsetzung in Alltagssituation genommen. Da WUT-Gefühle bei ihm aus den Beinen von unten her aufsteigen, eignete sich dieser Anker besonders gut.

Es gelang ihm in der Folgezeit die von unten aufsteigenden Wutgefühle immer besser früh- bzw. rechtzeitig zu spüren, zu erkennen. Aus der Basis der inzwischen eingeübten Methode reichte es aus, kurz die Beine herunterzustreichen und dabei auszuatmen und mit dem nächsten kommenden Atemzug sich aufzurichten und tief einzuatmen. Es reichte aus, einen aufkommenden Wutausbruch zu steuern und dennoch nicht zu “implodieren”, sondern sich gestärkt zu fühlen durch die Bewältigung der Situation.

Wolfgang hatte in seinem sein “Ritual” einen Anker gefunden, mit dessen Hilfe er erfolgreich sein konnte; er hatte ein direktes wirkungsvolles Umgehen mit seinen aggressiven Impulsen entwickelt und gelernt. Das alleine ist schon eine sehr große Entlastung für ihn und seine Umwelt.

Der Patient ging von der ersten Sitzung an ohne Vorbehalte in die verabredete Hypnose-Sitzung hinein, er arbeitete aktiv mit und entwickelte eigenständig sein o.a. Ritual. Er fühlte sich anschließend sehr wohl und energetisiert, zeigte sich begeistert darüber, ein wirkungsvolles Instrument gefunden zu haben.

In weiteren Sitzungen wurden dann gemeinsam biografische Vertiefungen unternommen, um die Verknüpfungen herzustellen, woher die Impulse rühren. Das stellte sich als gar keine einfache Aufgabe dar, weil Wolfgang seinen Vater bzw. sein Vaterbild zu stark schützte und bewahren wollte. Der Vater war mindestens ebenso cholerisch und auch gewalttätig gegenüber seinen Kindern und einige Male auch gegenüber seiner Frau. Es war also während Wolfgangs Identitätsentwicklung beiläufig bzw. unbewusst eine Art “Identifikation mit dem Aggressor” erfolgt, die es galt in der Therapie behutsam aufzulösen bzw. zu relativieren und zu modifizieren. Obwohl es sich bei Wolfgang nicht um einen Patienten mit hoher Introspektionsfähigkeit handelt, konnte er am Ende seinen Vater in einem differenzierteren Licht sehen, einem Menschen, der zwar in vielen Situationen verantwortungsvoll und fürsorglich für seine Familie gedacht und gehandelt hatte, aber auf der anderen Seite auch mit der “Angst regierte”.

Falldarstellung Olaf B.

Vorgeschichte: Der 48-jährige Betriebswirt Olaf B. kam vor 1,5 Jahren zu mir in die Praxis mit einem persönlichen Thema, das sich nicht in den Klinischen Behandlungsbereich einordnet, sondern eher in den Bereich der Persönlichkeitsentwicklung. Es gab also von Beginn an keine behandlungsbedürftigen Symptome, wenngleich die Reduzierung von Angst sein Motiv und Ziel war, meine Praxis aufzusuchen.

Olaf B. ist heute Manager in einem Konzern, der weltweit agiert; er selbst verantwortet das Deutsche Geschäft. Er selbst war mit der Branche praktisch von Jugend an vertraut, dadurch dass sein Vater dort unternehmerisch erfolgreich war und eine mittelgroße Einzelhandelskette aufgebaut hatte. Schon als Oberschüler war Olaf B. dort im Geschäft seines Vaters tätig und lernte mit der Zeit alle denkbaren Abläufe und spezifischen Gegebenheiten dieses Geschäfts kennen. Als Student übernahm er dann bereits konzeptionelle Aufgaben und als Diplom-Kaufmann arbeitete er dann einige Jahre mit seinem Vater zusammen in der Geschäftsleitung. Der Vater ging in den Ruhestand und beide trafen gemeinsam die Entscheidung, das bestehende eigene Geschäft in der Größenordnung von einigen Dutzend Filialen an einen Konzern zu verkaufen. Bestandteil des Vertrags war, dass Olaf B. als einer von zwei Geschäftsführern weiter agieren würde. Der Verkauf kam zustande, und er verantwortet bis heute das Deutsche Geschäft – nur mit dem bedeutsamen Unterschied, dass er plötzlich anstatt einigen Dutzend Filialen ca. 1500 Filialen zu steuern hatte.

Seine Verantwortung war in der Dimension also recht schlagartig gestiegen, er musste lernen stärker in Organisationsstrukturen eines Konzerns zu denken mit einer Vielzahl von Mitarbeitern und Führungskräften im eigenen Bereich und auch damit, mit einer Konzernspitze zurechtzukommen. Es oblag ihm, große Veranstaltungen mit Franchise- u. Vertriebs-Mitarbeitern vorbereiten zu lassen und das organisatorisch zu steuern. In diesem Rahmen hatte er auch in der Verbandsarbeit der Branche einen maßgeblichen Beitrag zu leisten, und diese großen Veranstaltungen, die teilweise auch von an ihn gerichteten Fragen der Medien begleitet wurden, bildeten für ihn der Anlass, sich persönlich weiter zu entwickeln zu wollen und sich dabei von mir unterstützen zu lassen.

Die Problemsituationen: Er hatte nämlich gemerkt, dass er Schwierigkeiten hatte, vor einer Vielzahl von Menschen zu reden, substanziell Rede und Antwort bzw. im Mittelpunkt zu stehen – und das auf dem Hintergrund, dass er als ein angesehener und von allen geschätzter Fachmann in dieser Branche galt.

Olaf B. beschreibt sich selbst in den ersten Sitzungen als nüchterner Mensch mit außerordentlicher Sachorientierung, der stets danach sucht sich an den Fakten zu halten und Wertungen oder Wahrscheinlichkeits-Voraussagen oder Einschätzungen eher meidet. Diese Eigenschaft wird auch allseits in seinem beruflichen Aktionsfeld geschätzt; sie verbindet sich in seinen Einstellungen mit Zuverlässigkeit, Klarheit und Fairness im Umgang mit anderen. Diese strikte Sachorientierung und nüchterne Darstellungsweise zeigte aber auch die andere Seite der Medaille, dass er in seinen Vorträgen und steuernden Beiträgen in solchen Großveranstaltungen zu wenig Lebendigkeit und damit auch zu wenig Überzeugungskraft aktivieren konnte. Gerade die Großveranstaltungen mit auch informellen Anteilen wie z.B. das Treffen zum Jahresausklang verlangten nach mehr persönlicher Wirkung im „WIR-Gefühl“ und dem Ausdruck von Freude und Wertschätzung über erreichte Ziele und Fortschritte, die man gemeinsam erarbeitet hatte.

Die ersten Sitzungen: Wir benötigten einige gesprächstherapeutische Sitzungen, bis er (an-) erkennen konnte, dass der Grund seiner Nüchternheit schlicht „Angst“ war. „Als Manager hat man nicht einfach Angst vor anderen“, und das bildete eine erste Hürde, es innerlich auch anzunehmen und sich zugestehen zu können, dass eine ungewohnte Aufgabe „sich selbst vor einem großen Publikum zu präsentieren“ Ängste auslösen kann. Ein wenig Lampenfieber … wird eingeräumt, aber als Manager Angst zu haben, scheint nicht zu unserem kulturellen Leitbild zu passen. Natürlich sind es keine pathogenen Formen wie bei jemandem, der sich als sonst gesunder Erwachsener nicht mehr aus dem Haus zu gehen traut, aber die „Symptome oder Anzeichen“ sind nahezu identisch, wenngleich auch in der Intensität und in den Auswirkungen natürlich unterschiedlich.

Behandlungsziele:
Auf dem Hintergrund seiner hohen Ansprüche an sich selbst bildete die „Reduzierung von Angst“ sein Leitmotiv und Ziel

Als positiv umgedeutetes Ziel bedeutete das zu lernen, sich selbst wohler zu fühlen in der Rolle des Sprechenden vor großen Gruppen

Behandlungsverlauf:
Neben den klassischen Vorbereitungen und Übungen einer Präsentation und Moderation von Veranstaltungen wurden insbesondere hypnotherapeutische Sequenzen eingesetzt und auch teilweise über individuell angelegte CD-Aufnahmen eingeübt bzw. gefestigt.

Für die Hypnosesitzungen wurden nach und nach individuelle Ressourcen gemeinsam herausgearbeitet wie z.B. Erfahrungen aus Situationen, die er erfolgreich bewältigt hatte (Erfahrungs-Ressource), Mentoren die ihn positiv beeindruckt hatten (biografische Ressource), Leitbilder aus Film und Literatur sowie kurze persönliche Slogans, die ihn vor und während einer Veranstaltung an sein Ziel zu erinnern vermochten. Diese Strategie, auch unter äußeren Stresseinwirkungen einer Veranstaltung, bei sich selbst und ruhig zu bleiben, wurde auf mehreren Ebenen hypnotherapeutisch angelegt. Dabei wurden das Atmen ebenso wie der Blickkontakt zur Zuhörergruppe, das Stehen wie das Umherlaufen auf dem Podium, das Nutzen von Visualisierungen auf der Leinwand, das Kommentieren und Einflechten von Beispielen oder Scherzen zur Auflockerung und Aufmerksamkeitsbindung bildhaft bzw. im szenischen Ablauf durchgespielt- unter Hypnose.

Da es immer wieder Veranstaltungen gab, in denen Olaf sich ausprobieren konnte – denn das Geschäft lief natürlich weiter und damit auch die Situationen, in denen er diesen Anforderungen ausgesetzt war – bereiteten wir uns nach einer Zeit der Beschäftigung mit Grundlagen und Ressourcen jeweils gezielt auf eine anstehende Veranstaltung vor- unter Hypnose. Das führte dazu, dass Olaf schrittweise aber stetig zunehmend positive Erfahrungen machte mit sich selbst in dieser Rolle und deutlich an Sicherheit gewann. Zuerst merkte er selbst es daran, dass er weniger an den vorbereiteten Folien „klebte“ und mehr und mehr Spaß an der spontanen Gestaltung entwickeln und auch improvisieren konnte, wenn es erforderlich war. Seine Lebendigkeit untermalte seine professionelle Sachkenntnis und fand deutlich Anklang bei Kollegen, Mitarbeitern und Vorgesetzten. Klar vor Augen geführt wurde uns beiden der gemeinsame Erfolg nach 1,5 Jahren Doppelsitzungen im monatlichen Turnus, als Olaf Fotos mitbrachte von einer Veranstaltung mit mehreren hundert Franchise-Partnern. Die Fotos zeigten ihn im Einsatz als Moderator; sie waren von einem professionellen und unabhängigen Fotografen gemacht worden; Die Fotos spiegelten in überzeugender Weise seine „Unbeschwertheit in Verbindung mit professionellem Engagement“. Die Fotos selbst dienten dann noch zur Festigung und Verankerung von Unbeschwertheit in einer letzten Hypnosesitzung. Olaf B. kommt dennoch bis heute in 6-8 – wöchigem Turnus zu Coaching Sitzungen mit anderen Zielsetzungen in meine Praxis.