Wolfgangs Impulskontrollstörung

Bei einer Impulskontrollstörung kommen in bestimmten Situationen cholerisch aggressive Impulse hochgeschossen; der Betreffende fühlt sich zumeist außerstande diesen Impulsen etwas entgegenzusetzen. Die in einem cholerischen Anfall aufkommende Wut entlädt sich in einem Schreien und Beschimpfen, zuweilen im Werfen von Gegenständen an die Wand, in schweren Fällen sogar in gewalttätigen Handlungen. Danach folgen in der Regel Selbstvorwürfe und Schuldgefühle und Entschuldigungen gegenüber den betroffenen Opfern. Diese dann nach innen gegen das Selbstbild gerichteten Agrressionen werden auch "Implosionen" genannt und sind von starken depressiven Symptomen begleitet.

Nachfolgend die Beschreibung einer Behandlung, wie mit nur wenigen Hypnose-Sitzungen (12) eine leichtere Form einer Impulskontrollstörung erfolgreich behandelt werden konnte.

Zum Patienten:

60-jähriger Mann als Postzusteller seit über 40 Jahren tätig, stets noch in einem zweiten Job tätig, wodurch sich eine insgesamt hohe Arbeitsbelastung ergab und ihn als  Vater in der Familie wenig präsent sein ließ. Er lebt in eigenem Haus mit seiner Frau, hat drei erwachsene  Kinder und hat regen Kontakt zu seinen Enkeln, die einen Ausgleich für seine versäumten Begegnungen mit seinen Kindern bedeuten und somit eine positive Ressource in seinem Leben bilden.

Vom Patienten formuliertes Problem/Anliegen/Ziel

Erstkontakt zum Therapeuten im Juni 2013 wegen mittelgradiger Depression, die sich seit einigen Jahren zuspitzte. Seine Formulierung beim Erstgespäch: Hilfe und Begleitung darin seine cholerischen Wutausbrüche besser steuern zu können.

Auslösende Faktoren und Ablauf

Es handelt sich vorwiegend, aber nicht ausschließlich um Situationen im beruflichen Kontext. Das Wahrnehmen von Fremdbestimmung ist neben dem Empfinden von Ungerechtigkeit eine der maßgebenden Faktoren. 

Er erlebt dann körperlich eine aus den Beinen aufsteigende und von Kribbeln begleitete Wut mit der Tendenz zur explosiven Entladung in eben jenen Situationen einer empfundenen Fremdbestimmung, die Veränderungen in seinem Wirkungsfeld implizieren. Die explosiven Wutausbrüche zeigten niemals eine ausgeführte physische Gewalt unmittelbar gegen Personen. Gegenstände sind dabei zu Bruch gegangen, wenn sie z.B. gegen eine Wand geschleudert wurden. Die aufsteigenden Wutgefühle  können zuweilen von ihm auch durch Vermeidung bzw. dadurch "aus dem Feld zu gehen" gesteuert werden, wirken dann aber implosiv und münden in eine depressive Verarbeitung und dem Empfinden von Leere, Sinn- und Antriebslosigkeit.  Die  empfundene Fremdbestimmung ist häufig mit der Empfindung von Ungerechtigkeit verbunden, die beinahe gleichermaßen ihn persönlich, aber auch andere (Kollegen) betreffen können. Gedanken/Einstellung: „Das systematische Verheizen von jungen Kollegen bei der Post bringt mich auf die Palme“.Er ist ehemaliger Betriebsrat und Mitglied der Gewerkschaft.

 Nutzbare Ressourcen des Patienten

- Körperliches Austoben mit seinen Enkeln (Biografische Ressource)

- Einige Kollegen, die ihn gut kennen und ihn insbesondere  wegen seines offensiven Eintretens auch für andere wertschätzen und ihn sozial zu integrieren suchen

Therapeutische Interventionen

Gesprächspsychotherapie mit  dem Schwerpunkt auf  direktiven Hypnose- Interventionen.  Motivationsunterstützung  durch Psychoedukation zu Hypnose. Etablieren von „Sicheren Beziehungen“ in der Hypnose zur Nutzung der Emotionen von Sicherheit, Lockerheit und  Gelassenheit. Umdeuten und Einüben von WUT in Kraft – während die gleichermaßen erlebte Hilflosigkeit gesplittet wurde und in der Hypnose entsprechend an dem Atemrhythmus angegliedert wurde. Beim Ausatmen wurde Hilflosigkeit durch die Beine in den Boden abgeleitet. Beim Einatmen wurde die umgedeutete Kraft, Weite und Freiheit in den Brustkorb zu lenken eingeübt. Daher wurde zur Induktion von Trance bereits „Hände-auseinander-und-Weite-erleben“ verwendet.

Unmittelbar nach dem Aufrufen bzw. der Exposition einer aktuellen „Wut-Situation“ wähtrend einer Hypnose-Sitzung strich der Patient (unaufgefordert spontan) beim Ausatmen mit seinen beiden Händen  seine Oberschenkel entlang nach unten bis über die Kniekante, zog die Arme mit dem weitenden Einatmen wieder zurückund wiederholte dieses "Ritual" immer wieder; teilweise reichten die nach unten ableitenden Bewegungen dann bis zu den Füßen hinunter. Er spürte dann nach einiger Zeit deutlich, wie die aufgekommene Spannung weg war und Raum entstand für die Kraft, die Weite und den Überblick sowie dem Gefühl von Freiheit. Am Schluss einer Sitzung wurde der Rhythmus beendet und das  Atmen hin zur Gelassenheit suggeriert.

Relevante Ergebnisse im Behandlungsverlauf

Die vom Patienten selbst autonom bzw. spontan entwickelte Form , beim Ausatmen der Hilflosigkeit mit seinen beiden Händen  seine Oberschenkel entlang nach unten bis über die Kniekante zu streichen, wurde während der induzierten Trance als Verankerung für die Umsetzung in Alltagssituation genommen. Da WUT-Gefühle bei ihm aus den Beinen von unten her aufsteigen, eignete sich dieser Anker besonders gut.

Es gelang ihm in der Folgezeit die von unten aufsteigenden Wutgefühle immer besser früh- bzw. rechtzeitig zu spüren, zu erkennen. Aus der Basis der inzwischen eingeübten Methode reichte es aus, kurz die Beine herunterzustreichen und dabei auszuatmen und mit dem nächsten kommenden Atemzug sich aufzurichten und tief einzuatmen. Es reichte aus, einen aufkommenden Wutausbruch zu steuern und dennoch nicht zu "implodieren", sondern sich gestärkt zu fühlen durch die Bewältigung der Situation.

Wolfgang hatte in seinem sein "Ritual" einen Anker gefunden, mit dessen Hilfe er erfolgreich sein konnte; er hatte ein direktes wirkungsvolles Umgehen mit seinen aggressiven Impulsen entwickelt und gelernt. Das alleine ist schon eine sehr große Entlastung für ihn und seine Umwelt.

Der Patient ging von der ersten Sitzung an ohne Vorbehalte in die verabredete Hypnose-Sitzung hinein, er arbeitete aktiv mit und entwickelte eigenständig sein o.a. Ritual. Er  fühlte sich anschließend sehr wohl und energetisiert, zeigte sich begeistert darüber, ein wirkungsvolles Instrument gefunden zu haben.

In weiteren Sitzungen wurden dann gemeinsam biografische Vertiefungen unternommen, um die Verknüpfungen herzustellen, woher die Impulse rühren. Das stellte sich als gar keine einfache Aufgabe dar, weil Wolfgang seinen Vater bzw. sein Vaterbild zu stark schützte und bewahren wollte. Der Vater war mindestens ebenso cholerisch und auch gewalttätig gegenüber seinen Kindern und einige Male auch gegenüber seiner Frau. Es war also während Wolfgangs Identitätsentwicklung beiläufig bzw. unbewusst eine Art "Identifikation mit dem Aggressor" erfolgt, die es galt in der Therapie behutsam aufzulösen bzw. zu relativieren und zu modifizieren. Obwohl es sich bei Wolfgang nicht um einen Patienten mit hoher Introspektionsfähigkeit handelt, konnte er am Ende seinen Vater in einem differenzierteren Licht sehen, einem Menschen, der zwar in vielen Situationen verantwortungsvoll und fürsorglich für seine Familie gedacht und gehandelt hatte, aber auf der anderen Seite auch mit der "Angst regierte".