Falldarstellung Olaf B.

Vorgeschichte:Der 48-jährige Betriebswirt Olaf B.  kam vor 1,5 Jahren zu mir in die Praxis mit einem persönlichen Thema, das sich nicht in den Klinischen Behandlungsbereich einordnet, sondern eher in den Bereich der Persönlichkeitsentwicklung. Es gab also von Beginn an keine behandlungsbedürftigen Symptome, wenngleich die Reduzierung von Angst sein Motiv und Ziel war, meine Praxis aufzusuchen.

Olaf B.  ist heute Manager in einem Konzern, der weltweit agiert; er selbst verantwortet das Deutsche Geschäft. Er selbst war mit der Branche praktisch von Jugend an vertraut, dadurch dass sein Vater dort unternehmerisch erfolgreich war und eine mittelgroße Einzelhandelskette aufgebaut hatte. Schon als Oberschüler war Olaf B. dort im Geschäft seines Vaters tätig und lernte mit der Zeit alle denkbaren Abläufe und spezifischen Gegebenheiten dieses  Geschäfts kennen. Als Student übernahm er dann bereits konzeptionelle Aufgaben und als Diplom-Kaufmann arbeitete er dann einige Jahre mit seinem Vater zusammen in der Geschäftsleitung. Der Vater ging in den Ruhestand und beide trafen gemeinsam die Entscheidung, das bestehende eigene Geschäft in der Größenordnung von einigen Dutzend Filialen an einen Konzern zu verkaufen. Bestandteil des Vertrags war, dass Olaf B. als einer von zwei Geschäftsführern weiter agieren würde. Der Verkauf kam zustande, und er  verantwortet bis heute das Deutsche Geschäft – nur mit dem bedeutsamen Unterschied, dass er plötzlich anstatt einigen Dutzend Filialen ca. 1500 Filialen zu steuern hatte.

Seine Verantwortung war in der Dimension also recht schlagartig gestiegen, er musste lernen stärker in Organisationsstrukturen eines Konzerns zu denken mit einer Vielzahl von Mitarbeitern und Führungskräften im eigenen Bereich und auch damit, mit einer Konzernspitze zurechtzukommen. Es oblag ihm,  große Veranstaltungen mit Franchise- u. Vertriebs-Mitarbeitern vorbereiten zu lassen und das organisatorisch zu steuern. In diesem Rahmen hatte er auch in der Verbandsarbeit der Branche einen maßgeblichen Beitrag zu leisten, und diese großen Veranstaltungen, die teilweise auch von an ihn gerichteten Fragen der Medien begleitet wurden, bildeten für ihn der Anlass, sich persönlich weiter zu entwickeln zu wollen und sich dabei von mir unterstützen zu lassen.

Die Problemsituationen: Er hatte nämlich gemerkt, dass er Schwierigkeiten hatte, vor einer Vielzahl von Menschen zu reden, substanziell Rede und Antwort bzw. im Mittelpunkt zu stehen – und das auf dem Hintergrund, dass er als ein angesehener und von allen geschätzter Fachmann in dieser Branche galt.

Olaf B. beschreibt sich selbst in den ersten Sitzungen als nüchterner Mensch mit außerordentlicher Sachorientierung, der stets danach sucht sich an den Fakten zu halten und Wertungen oder Wahrscheinlichkeits-Voraussagen oder Einschätzungen eher meidet. Diese Eigenschaft wird auch allseits in seinem beruflichen Aktionsfeld geschätzt; sie verbindet sich in seinen Einstellungen mit Zuverlässigkeit, Klarheit und Fairness im Umgang mit anderen. Diese strikte Sachorientierung und nüchterne Darstellungsweise zeigte aber auch die andere Seite der Medaille, dass er in seinen Vorträgen und steuernden Beiträgen in solchen Großveranstaltungen zu wenig Lebendigkeit und damit auch zu wenig Überzeugungskraft aktivieren konnte. Gerade die Großveranstaltungen mit auch informellen Anteilen wie z.B. das Treffen zum Jahresausklang verlangten nach mehr persönlicher Wirkung im „WIR-Gefühl“ und dem Ausdruck von Freude und Wertschätzung über erreichte Ziele und Fortschritte, die man gemeinsam erarbeitet hatte. 

Die ersten Sitzungen: Wir benötigten einige gesprächstherapeutische Sitzungen, bis er (an-) erkennen konnte, dass der Grund seiner Nüchternheit schlicht „Angst“ war. „Als Manager hat man nicht einfach Angst vor anderen“, und das bildete eine erste Hürde, es innerlich auch anzunehmen und sich zugestehen zu können, dass eine ungewohnte Aufgabe „sich selbst vor einem großen Publikum zu präsentieren“ Ängste auslösen kann. Ein wenig Lampenfieber … wird eingeräumt, aber als Manager Angst zu haben, scheint nicht zu unserem kulturellen Leitbild zu passen. Natürlich sind es keine pathogenen Formen wie bei jemandem, der sich als sonst gesunder Erwachsener nicht mehr aus dem Haus zu gehen traut, aber die „Symptome oder Anzeichen“ sind nahezu identisch, wenngleich auch in der Intensität und in den Auswirkungen natürlich unterschiedlich.

Behandlungsziele: 

Auf dem Hintergrund seiner hohen Ansprüche an sich selbst bildete die „Reduzierung von Angst“ sein Leitmotiv und Ziel

Als positiv umgedeutetes Ziel bedeutete das zu lernen, sich selbst wohler zu fühlen in der Rolle des Sprechenden vor großen Gruppen

Behandlungsverlauf: 

Neben den klassischen Vorbereitungen und Übungen einer Präsentation und Moderation von Veranstaltungen wurden insbesondere hypnotherapeutische Sequenzen eingesetzt und auch teilweise über individuell angelegte CD-Aufnahmen eingeübt bzw. gefestigt.  

Für die Hypnosesitzungen wurden nach und nach individuelle Ressourcen gemeinsam herausgearbeitet wie z.B. Erfahrungen aus Situationen, die er erfolgreich bewältigt hatte (Erfahrungs-Ressource), Mentoren die ihn positiv beeindruckt hatten (biografische Ressource), Leitbilder aus Film und Literatur sowie kurze persönliche Slogans, die ihn vor und während einer Veranstaltung an sein Ziel zu erinnern vermochten. Diese Strategie, auch unter äußeren Stresseinwirkungen einer Veranstaltung, bei sich selbst und ruhig zu bleiben, wurde auf mehreren Ebenen hypnotherapeutisch angelegt. Dabei wurden das Atmen ebenso wie der Blickkontakt zur Zuhörergruppe, das Stehen wie das Umherlaufen auf dem Podium, das Nutzen von Visualisierungen auf der Leinwand, das Kommentieren und Einflechten von Beispielen oder  Scherzen zur Auflockerung und Aufmerksamkeitsbindung bildhaft bzw. im szenischen Ablauf durchgespielt- unter Hypnose.

Da es immer wieder Veranstaltungen gab, in denen Olaf sich ausprobieren konnte – denn das Geschäft lief natürlich weiter und damit auch die Situationen, in denen er diesen Anforderungen ausgesetzt war – bereiteten wir uns nach einer Zeit der Beschäftigung mit Grundlagen und Ressourcen jeweils gezielt auf eine anstehende Veranstaltung vor- unter Hypnose. Das führte dazu, dass Olaf schrittweise aber stetig zunehmend positive Erfahrungen machte mit sich selbst in dieser Rolle und deutlich an Sicherheit gewann. Zuerst merkte er selbst es daran, dass er weniger an den vorbereiteten Folien „klebte“ und mehr und mehr Spaß an der spontanen Gestaltung entwickeln und auch improvisieren konnte, wenn es erforderlich war. Seine Lebendigkeit untermalte seine professionelle Sachkenntnis und fand deutlich Anklang bei Kollegen, Mitarbeitern und Vorgesetzten. Klar vor Augen geführt wurde uns beiden der gemeinsame Erfolg nach 1,5 Jahren Doppelsitzungen im monatlichen Turnus, als Olaf Fotos mitbrachte von einer Veranstaltung mit mehreren hundert Franchise-Partnern. Die Fotos zeigten ihn im Einsatz als Moderator; sie waren von einem professionellen und unabhängigen Fotografen gemacht worden; Die Fotos spiegelten in überzeugender Weise seine „Unbeschwertheit in Verbindung mit professionellem Engagement“. Die Fotos selbst dienten dann noch zur Festigung und Verankerung von Unbeschwertheit in einer letzten Hypnosesitzung. Olaf B. kommt dennoch bis heute in 6-8 – wöchigem Turnus zu Coaching Sitzungen mit anderen Zielsetzungen in meine Praxis.