Vorgeschichte: Hannelore war 63, als sie in meine Praxis kam. Sie fühlte sich ausgelaugt und erschöpft und ihr Beruf als Sonderschullehrerin in einem sozialen Brennpunktstadtteil, der ihr ein Leben lang Sinn und Spass gegeben hatte, trug sie auf einmal nicht mehr, sondern geriet mehr und mehr zu einer Belastung. Hannelore war sehr pflichtbewusst und erlaubte sich kaum den Gedanken überhaupt zu denken, dass sie in ihrem Leben bereits genug geleistet hatte. In den letzten beiden Jahren war sie bereits mehrmals über längere Phasen erkrankt und ausgefallen. Da die Schulleitung und ihre Hausärztin sie bedrängten das Arbeitsvolumen herunterzufahren, tat sie das zwar, aber mit einem schlechten Gefühl.  Um das vor sich selbst vertreten zu können und auszugleichen, suchte sie bereits aktiv nach ehrenamtlichen Aufgaben in der Sterbehilfe.

Ein wesentlicher Punkt ihrer Belastung - und dieser eröffnete sich überhaupt erst nach einigen Sitzungen - bestand in den Schmerzen, die sie in den Beinen etragen musste. Sie hatte in Folge ihrer Diabetis II eine Polyneuropathie. Das bedeutet, dass bestimmte Nervenzellen in den Bahnen der Beine hinunter bis in die Füße geschädigt sind und eine Mehrzahl von Missempfindungen auslösen wie Taubheits- und Druckgefühle, aber auch zuweilen stechender Schmerz in den Nervenbahnen. Sie erlebte es in Wellen bzw. Phasen von unterschiedlicher Intensität. Es ist bei jedem Schritt spürbar und kostet viel Energie.

Das Schmerzerleben stellte sich für Hannelore als ein (!) Punkt der Überbelastung heraus. Sie erkannte erst im Laufe der Sitzungen, wieviel Anstrengung und Energie sie das Laufen inzwischen kostete; es war für sie jedesmal eine Überwindung sich zu bewegen, da Laufen mit Schmerz gekoppelt war. Laufen bzw. Bewegung gilt andererseits als ein positiver Handlungsansatz zur (Gegen-) Steuerung von Diabetis II. 

Diabetis II und Polyneuropathie: Ist eine solche Nervenschädigung einmal aufgetreten, kann sie nicht geheilt werden; es handelt sich um eine irreversible Schädigung. Das stellt im Übrigen eine weitere Begründung dar, warum die Früherkennung von Diabetis II (Volkskrankheit Alterszucker) besonders wichtig ist. Wenn es rechtzeitig erkannt und wirksam vorgebeugt wird, können der Ausbruch als solcher und auch Schädigungen  sowie die Einnahme von Insulin vermieden werden.

Symptome: Schmerzen in den Beinen - Symptome einer beginnenden altersdepressiven Episode wie das Gefühl nicht zu genügen, Selbstwertverlust, Grübeleien und Schlaflosigkeit, erste Tendenzen zum sozialen Rückzug.

Rahmen und Ziele: Die therapeutischen Ziele der anvisierten Kurzzeittherapie wurden nach den ersten drei gesprächstherapeutischen Sitzungen wie folgt festgelegt:

= Entwickeln eines hypnotherapeutischen Konzepts, wie Hannelore mit den Schmerzen in den Beinen selbst umgehen kann, um eine Linderung der Schmerzen zu erreichen und damit auch einen Zugewinn von Energie erlebt

= Klärung ihres Selbstverständnisses und Selbstbildes hinsichtlich der Pflicht- und Leistungsansprüche an sich selbst. Verstehen und Durcharbeiten der inneren Glaubenssätze und Verbinden des "Gefühls-nicht-zu-genügen" mit biografisch begründeten Erlebnismustern. Neudefintion des Selbstverständnisses und Selbstbildes für den dritten Lebensabschnitt.

Therapeutischer Verlauf: 

Beide Zielkomplexe wurden in den insgesamt 30 Sitzungen über jeweils 75 Minuten verfolgt und schrittweise vertieft. Beide waren im Nachhinein betrachtet gleich wichtig. Die Klärung ihres Selbstverständnisses und Selbstbildes und die damit verbundene Neudefintion für den dritten Lebensabschnitt gelang auf der Basis von zunehmenden Vertrauen zum Therapeuten.

Dieser Prozess der Vertrauensbildung wurde sicher auch beeinflusst durch die schnellen Erfolge, die der andere Behandlungsansatz zur Linderung der Schmerzen bewirken konnte. Die Patientin merkte spürbar, dass sie das nicht passiv erdulden und Schmerzen aushalten muss, sondern etwas selbst bewegen bzw. steuern kann, dass sie im Ergebnis spürbar mehr Energie zur Verfügung hat, wenn sie mit den Schmerzen anders als bisher umging. Zudem stellte sich alsbald die Schlaflosigkeit wie von selbst ab, wodurch sie ein weiteres spürbares Erfolgserlebniss und einen Energiezugewinn erlebte. Die depressive "Negativ-Spriale in ihrem Lebensgefühl" (es geht immer nur weiter abwärts) war durchbrochen und motivierte sie weiterhin bewusst an sich zu arbeiten.

Im Fokus der Hypnose-Behandlung standen zunächst unsere Bemühungen bestimmte Imaginationen (Erfahrungsbilder) zu finden, welche die Patientin erinnerte. Es kam darauf an Situationen des unbeschwerten Laufens zu finden, Erfahrungen von Leichtigkeit und Freude an der Bewegung zu vergegenwärtigen. Diese Suche und das Ausprobieren unter Hypnose bzw. im Trancezustand diese Bilder gezielt hervorzurufen, konzentrierte sich nach einiger Zeit auf solche Bilder, die sich auf das "frühere Wandern" und auf das "heutige "Nordic-Walking" bezogen.  Sie war früher gerne gewandert und konnte dabei auch größere Strecken und Touren bewältigen. Heute unternimmt sie gemeinsam mit zwei anderen Frauen regelmäßig kürzere "Nordic-Walking-Touren". Beiden Situationen (früher und heute) ist das Bewegen in der Natur gemeinsam, das sie besonders geniessen kann. Das Gefühl von Leichtigkeit in der Bewegung und das Gefühl von Naturverbundenheit nahmen dann in der Hypnose-Sitzung eine zentrale Bedeutung ein - um sie darin zu unterstützen, positive Körpergefühle gezielt bzw. selbst-suggestiv einzusetzen und die bisherige Kopplung zwischen Bewegung und Schmerz aufzulösen.

Eine weitere Komponente der Hypnose-Behandlung ergab sich daraus, Vorstellungen zu entwickeln, die geeignet waren, den Schmerz um-zu-interpretieren. Nach einigem Experimentieren fanden wir das Gefühl von Kälte als probate Empfindung. Da das Ver-Eisen von "brennenden Wunden" bekanntlich schmerzlindernd wirkt - und auch eine Erfahrung ist, welche die meisten Menschen bereits erlebt haben; es also genügt zu wissen wie sich das Ver-Eisen anfühlt - verwendeten wir mit unmitttelbarem Erfolg diese Imaginationen. Zunächst gelang es über die Vorstellung eines Tauchbeckens mit eiskaltem Gebirgswasser, in welche die Patientin ihre Beine allnählich eintauchte, diese Imagination zu erwecken bzw. das Körpergefühl von Kälte in den Beinen entstehen zu lassen; ein gewisses Gefühl von Taubheit, das mit der Kälte verbunden ist auszutauschen gegen das Gefühl von Taubheit, das mit stechendem Schmerz verbunden war.

Weiterentwicklung: Nach einiger Übung mit dem "Tauchbecken" entwickelten wir die Vorstellungen dahingehend weiter, dass die Patientin mit ihrer Hand das Körpergefühl von Kälte erzeugen konnte, wenn sie diese auf die Beine legte oder über die Hautflächen am Bein strich. Das fühlte sich lindernd an, und sie hatte damit im wahrsten Sinne des Wortes ein "Werkzeug-in-die-Hand-bekommen", mit dem sie einer akuten Schmerzwelle begegnen konnte. Der akut aufgekommene Schmerz wandelte sich in das Körpergefühl von Kälte und Unempfindlichkeit /Taubheit. 

Einsatz von Selbsthypnose:  Da die Patientin nach einer Möglichkeit suchte außerhalb von Schmerztabletten ihre wellenartig aufkommenden Schmerzen zu lindern, benötigte sie eine Methode des direkten Umgehens mit den Schmerzen, wenn sie aufkommen. Wie in vielen anderen Fällen auch galt es demnach, auch Selbsthypnose einzusetzen. Die Patientin lernte das durch eigene Übung. Dabei erwies es sich als hilfreich in einer gemeinsam durchgeführten Sitzung genau diesen Ablauf von der Tranceinduktion bis zur Imagination von Kälte an den Hautflächen am Bein aufzunehmen und auf einen Tonträger (CD) zu überspielen. Sie hatte dann für ihre eigene Übungen bzw. Anwendungen diese CD zur Verfügung, mit der Stimme des Therapeuten und genau in diesem Ablauf wie in der Sitzung selbst.

Ergebnis der Hypnose-Behandlung: In einer weiteren Stufe des Lernens nach einigen Wochen wurde dann der gesamte Ablauf der Selbsthypnose zeitlich gestrafft, so dass die Patientin in der Lage war, binnen Sekunden ihren aufkommenden Schmerzen etwas entgegenzusetzen und eine Linderung unmittelbar zu erreichen. Es gibt zwar keine Methode ihre Schmerzen ursächlich zu beseitigen - denn diese waren ja bedingt durch die physischen Nervenschädigungen irreversibel - aber sie konnte fortan viel besser damit leben und spürte auch bald einen Zuwachs an Energie und empfand einen deutlichen Gewinn an Lebensqualität.